Mindy Metalman und das Dokument der Schande


‚Unendlicher Spaß‘ in guter Gesellschaft: Der Buchhandel holt den Leser am Point of sale ab. (Foto: U. Grob)

Die Leipziger Buchmesse ist zu Ende, und der Unendliche Spaß hat noch einmal richtig abgeräumt — und das absolut verdient. Wer anders als Ulrich Blumenbach wäre ernsthaft in Frage gekommen?

Ich gehöre wahrscheinlich zu den ganz Wenigen, die wirklich ermessen können, was er geleistet hat. Doch das ist nicht wirklich interessant.

Viel lieber schreibe ich von meiner Freundin Mindy Metalman. Sie war nämlich auf dem Promo-Blog des Verlags unterwegs, wo sie durch ihre patzigen Kommentare alsbald den Unmut des Admin-Diskussionsleiters auf sich zog, sodass ihr schnell die Lust verging. Die ganze Veranstaltung litt ohnehin von Anfang an darunter, dass sich dort hauptsächlich geladene Selbstdarsteller gegenseitig zutexteten und normale Leser wie Mindy weitgehend außen vor blieben.

Aber Mindy war noch etwas anderes aufgefallen. Ein kleiner Satz, ganz vorn im Buch, noch vor dem eigentlichen Roman. Ein Satz, den ich bisher gar nicht bemerkt hatte.

Der Übersetzer dankt dem deutschen Übersetzerfonds, der diese Arbeit mit zwei umfangreichen Stipendien gefördert hat, sowie seinem Vater Arnold Blumenbach, ohne dessen mäzenatische Zuwendungen er die Übersetzung nicht hätte abschließen können.

— Hör mal, wenn man das so liest, könnte man denken, sie hätten diesen Blumenbach gar nicht bezahlt.

— Er hat einen Namen, er heißt Ulrich. Ulrich Blumenbach.

— Okay, Ulrich.

— Na ja, bezahlt schon, aber schlecht. Er kann jetzt versuchen, mit Preisgeldern noch etwas reinzuholen — das hat ja auch bisher ganz gut geklappt.

— Nein, ich meine überhaupt. Wenn er das nicht gehabt hätte, all diese Stipendien, den großzügigen Vater und und und …

— Dann säße er heute mit großer Wahrscheinlichkeit auf der Straße.

— Nee, ne? Jetzt verarschtst du mich.

— Keineswegs. Du weißt doch, wie das läuft.

— Du meinst, in alten Kulturen waren die Bären dem Menschen gleichgestellt?

Ein gern gebrauchtes Wort zwischen uns. Ein Allround-Wort. Aus Ghost Dog.

— Man muss eben klug agieren, darauf kommt es an.

— Das heißt, es könnte durchaus sein, dass jemand jahrelang an so einem gigantischen Buch arbeitet — und hat am Ende gar nichts.

— Das ist nicht ausgeschlossen. Ich kenne Übersetzer, die mussten am Ende eine Kredit aufnehmen, bloß für die Miete. Das heißt, sie können wirklich alles verlieren, gerade bei diesen großen Projekten. Das glaubt kein Mensch, aber es ist so.

— Boah, diese Schweinebacken! Diese Ausbeuter!

— Sag das nicht, die meisten Verlagsleute sind ziemlich nett. Du bist übrigens einem von ihnen begegnet, neulich an dem Abend in Köln.

— Und wer soll das gewesen sein?

— Der, der gesagt hat, was der Mann ohne Eigenschaften für das 20. Jahrhundert war, das wird der Unendliche Spaß für das 21.

— Der war das? Wird er auch von seinem Daddy unterstützt?

— Das glaube ich nicht. Er ist der Verleger.

— Okay, nur damit ich das richtig verstehe: Da ist also dieser … Verlagsleiter, Verleger, whatever, kassiert ein dickes fettes Gehalt mit bezahltem Urlaub und allen goodies und findet nichts dabei, diesen … Ulrich Blumenbach plus Daddy Blumenbach nach Strich und Faden auszunehmen. Und stellt sich in Köln hin, macht einen auf dicke Hose, wie toll sie alle sind und wie wichtig das Buch, obwohl er in Wahrheit nur einen verfickten Sweatshop betreibt??

— Na ja, die Verlage sehen sich nicht gern so. Reality bites.

— Mann, ich fasse es nicht. Haben diese Typen eigentlich keine Scham? Können die morgens eigentlich noch in den Spiegel gucken?

— Tja …

— Und ist dann so dreist und schreibt das auch noch vorne rein? Echt, ich wäre ja gestorben, ich wäre in der Erde versunken vor Schande.

— Na, immerhin ist das doch ein fairer Zug. Eine Form von Transparenz. Sie verschweigen nicht, dass man für manche Jobs bei ihnen Geld mitbringen muss.

— Nein, das hat mit Fairness nichts zu tun, das ist nur absolute Gleichgültigkeit. Dass da andere Leute ausgeplündert werden ist diesen Scheißkerlen völlig egal. Sie versuchen es nicht mal zu verheimlichen. Für sie ist es okay, solange es sie nicht selber betrifft. Echt, ich glaub das einfach nicht. Hat er auch einen Namen?

— Yep. Helge Malchow. Die Namen sind austauschbar.

— Glaubst du, er würde in seinem eigenen Laden arbeiten wollen? Unter diesen Bedingungen?

— Das könnte er nicht. Er ist wie gesagt Verleger. Verleger können im Allgemeinen nicht schreiben. Sie wissen nicht mal, was was ist. Deshalb behandeln sie es auch als etwas Wertloses — und Übersetzer sind in ihren Augen sowieso nur Scheiße. Ist doch mittlerweile überall so, das übliche Bild, wohin du auch siehst, selbst in deinen alten Kulturen. (Mindy hat ein Jahr lang in Osaka studiert.) Oder glaubst du, Mr. Toyoda-San könnte heute noch so viel Gesicht verlieren, dass er darüber Harakiri begeht?

— Warum tust du dann so, als wären es deine besten Freunde?

— Es sind nicht meine Freunde, ich bemühe mich nur um ein gutes Verhältnis. Aber ich mag eigentlich schon nicht, wenn sie mir das Du anbieten. Ich finde, das geht zu weit.

— Sowas kommt vor?

— Das kommt vor. Es sind freundliche Ausbeuter. Sie haben bloß keine Ahnung, was sie da tun.

— Trotzdem, das hier … das hier ist ein Dokument der Schande, nichts als ekelhaft.

— Möglich. That’s the way the bee bumbles

Übergangslos macht sie ein ernstes Gesicht und bekommt diese grünen Augen, die sie nicht immer hat, und sagt:

— Weißt du, in alten Kulturen waren die Bären dem Menschen gleichgestellt!

Und ich bin auf einmal einer von den Rednecks, die den letzten Bären abgeknallt haben, einfach weil es der letzte war, und sage meine Text:

— Wir sind aber keine alte Kultur.

Und sie macht aus ihrem Zeigefinger einen gezogenen Lauf, zielt auf mich und sagt:

— Manchmal schon … bäng … BÄNG!

Ach, ich liebe sie. Mindy Metalman, sie ist die einzige Vernünftige in diesem durchgeknallten Zirkus. Und ich würde sie deshalb ebenfalls von jedem Intellektuellen-Blog runterschmeißen.

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