Stepford-Dad

In den ganz alten Zeiten mochte es passieren, dass eine spektrale Doppelgängerin aus der Hausfrau heraustrat und diese (also sich selbst) mit der Frage konfrontierte, ob sie auch wirklich alles für ein perfektes Waschergebnis getan habe.

Kein schöner Zustand. Wer Stimmen hört, sollte dringend zum Arzt.

Doch heute sind wir weiter. Heute ist die Überwachung und Bevormundung real — und allgegenwärtig. Und das sollen wir auch noch witzig finden, wie in der neuen Fernsehwerbung für den VW Polo BlueMotion.

Ein Mann steht am Waschbecken und rasiert sich.
Der Wasserhahn läuft — unnötig!

Plötzlich eine Stimme, von hinten, im Badezimmer. Offenbar gibt es in diesem Haus keine Privatsphäre mehr, sie wurde längst dem höheren Ziel geopfert.

Es ist vermutlich seine Tochter, sein personifiziertes schlechtes Gewissen oder gutes Umweltbewusstsein, je nachdem. Mit dem etwas zu groß geratenen Kopf taucht das Mädchen wie eine Art übler Homunkulus hinter ihm auf.

Worte sind in einer Welt der permanenten Denunziation übrigens nicht mehr erforderlich. Es reicht eine kurze subverbale Missbilligungsgeste, sozusagen ein kleiner schmerzhafter Schlag auf die Finger. „Mm-mmm!“ Auf Daddy muss man ein Auge haben, sonst macht er noch, was er will.

Der Mann pariert und macht den Wasserhahn zu. Das Weltklima ist gerettet.

Keine Ahnung, was sich die Macher des neuen Werbeclips für den VW Polo BlueMotion gedacht haben. Vermutlich irgendeine Grönemeyer-Scheiße mit „Kinder an die Macht“ oder so.

Doch ist ihnen etwas Gespenstisches gelungen, die Inszenierung eines perfekten Albtraums.

Denn aus unserer gewohnt schrägen Perspektive erkennen wir in dem Mädchen einen alten Bekannten aus dem Horrorfilm, nämlich das böse Kind.

Okay, natürlich ist es das gute Kind, das viel-bessere-als-der-Vater-Kind. Doch gibt keinen Bereich, in den das-viel-bessere-als-der-Vater-Kind nicht hineinfunkt, und das macht es böse.

Später: Ein Mann steht am — offenen! — Kühlschrank, trinkt aus einer Mineralwasserflasche und schaut ins Leere. Er denkt.

Das schlechte Gewissen läuft hinten im Flur vorbei.

Er hört auf zu denken und schließt die Kühlschranktür.

Er hat den Sieg über sich selbst errungen.

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