Paniktrieb (1)

 

Auf dem Bild im Katalog sah er aus, als wäre etwas mit ihm passiert. (Illustration: rippendale / photocase.com)

Zum ersten Mal sah ich ihn auf dem ganzseitigen Autorenfoto im Vorschaukatalog des Verlags. Der Name, Derek H., fiel mir auf, weil ich diesen Derek einmal übersetzen sollte. Das war vor etwa einem Jahr.

Das Manuskript trug seinerzeit den Arbeitstitel Die lange Nacht des Boxsports und frappierte mich durch seine außergewöhnliche Präzision und irgendeinen surrealen Dreh, den viele von Dereks Sätze aufwiesen. Aber die Deadline war damals zu knapp, also machte es schließlich jemand anders.

Auf dem Foto im Katalog sah er aus, als wäre etwas mit ihm passiert. Dinge (things) waren mit ihm passiert, die er nicht mehr verstand, aber geschehen ließ.

Leute, Fremde, waren gekommen, hatten ihn aus seiner Wohnhöhle am Schmutzrand von Birmingham gezerrt und vor das angefressene Mauerwerk des Apartmenthauses gestellt, in diese unfassbare, kaltweiße keltische Sonne — und nur, um dieses Bild machen zu lassen. Den Termin war ihm längst entfallen, obwohl seine — ebenfalls anwesende — Agentin tags zuvor extra angerufen hatte.

Dafür ziepte ihm jetzt die Maskenbildnerin mit einem groben Kamm durch das beinahe weiße, nikotinmelierte Zottelhaar und musste anschließend noch in einen Paki-run Bekleidungsladen flitzen, damit er wenigstens ein präsentables Hemd hatte.

Die Aktion erbrachte übrigens ein glaubwürdiges Ergebnis – Beweisstück A im Katalog: schwarzes Leinenhemd mit goldenen Ethno-Mäandern am Kragen. Derek H. war genau der Penner, der solche Hemden trug. Gut sehen sie eigentlich nur bei hübschen Bollywood-Jungs aus.

Die wasserhellen Blue-ruin-Augen in seinem teigigen abgepuderten Gesicht haben es jedoch aufgegeben, in dem ganzen Geschehen noch Kontraste wahrzunehmen oder irgendeinen Sinn zu suchen. Derek G. ist gleichzeitig da und nicht anwesend.

Ich weiß nicht, ob es wirklich so gewesen ist. Aber wenn Fotos überhaupt Geschichten erzählen können, dann haben wir hier ein Faktum.

So oder ähnlich sah ich mich auch einmal enden.

Aber noch nicht, nicht nicht an diesem Tag, bei unserer zweiten Begegnung. Sie fand statt auf einem Flur in den Räumen seines deutschen Verlags, und ich war darüber so wenig überrascht, als wäre ich dort meinem toten Vater begegnet.

Eigentlich bin ich so gut wie nie dort, es ist auch nicht nötig. Man kann für diese Leute arbeiten, ohne je einem von ihnen persönlich zu begegnen. Man kommuniziert über Mails und trifft sich eher zufällig auf Messen oder Lesungen. „Ach, so sehen Sie aus? Das sind Sie?“

Diese Frage erübrigte sich bei Derek H. Er war nur noch etwas kleiner als auf dem Bild und wiederum nicht anwesend.

In der Tür zum Chefbereich, für Übersetzer ein seltener Anblick, der Verleger höchstselbst, zusammen mit seiner rechten Hand, für die er keine drei Monate später seine Frau verlassen soll. Etwas weiter die Pressefrau, die Derek eine Woche lang auf einer Lesereise im Anschluss an die LitXY begleitet hat, und noch etwas weiter, Millionen Lichtjahre weiter, Derek selbst. Durch die rabiate Klimaanlage fällt zunächst nicht auf, wie sehr er nach unvollständig metabolisiertem Alkohol stinkt.

Aber ich kenne den Geruch aus meiner Rettungssanitäterzeit. Leute, die so riechen, atmen C2 nicht mehr ab, sie schwitzen vergälltes Verderben aus, sie treiben darin.

Soweit ich heraushöre, geht es bei der informellen Flur-Konferenz um die Frage, ob man Derek, nach einer Woche Rundumbetreuung, allein mit dem Taxi zum Flughafen fahren lassen kann.

Die Pressefrau meint ja, aber sie ist nicht weder objektiv noch motiviert und verweigert die Identifikation mit ihrer Aufgabe. Außerdem hat sie irgendwie von Derek gelernt, ignoriert also nicht nur ihn, sondern auch alle anderen und fällt als Hilfsperson daher aus.

Ich mische mich ungern ein, aber ich mache einen Vorschlag.

„Wie, das würden Sie tun?“, fragt der Verleger.

„Sie waren nett zu mir“, sage ich, was nicht ganz stimmt, auch dieser Verlag ist der reinste Sweatshop. „Dann bin ich auch mal nett zu Ihnen.“

„Ja, wenn Sie das machen könnten …“, sagt der Verleger.

„Kein Problem, ich bringe Ihren Mann wohlbehalten zum Flieger.“

Denn die Sache interessiert mich jetzt, und ich bin zufällig mit dem Wagen da, ein Benz mit personalisiertem Kennzeichen (XX-MI 1234), was Leute aus der Verlagsbranche eher überrascht, da sie ja wissen, was wir verdienen. Dass die vanity plates reiner Zufall sind und das Fahrzeug nur der Dienstwagen meiner Freundin, sage ich ihnen nicht. Sollen sie denken, was sie wollen.

Wir sind eben gut.

Der Verleger stellt mich Derek vor als „one of Germany top translators who’d almost translated your book …“

Aus Derek H. destilliert sich etwas, das dann zu keinem Lächeln wird, er sieht durch mich hindurch. Was soll er dazu auch sagen? „I’m glad to finally almost meet you?“

Problem ist, wir sind ja wirklich nur der Fahrer.

Nun geht auch der schönste Trip durch die After-Work-Bars und Literaturcafés von Germany einmal zu Ende. Der Abschied gestaltet sich erfreulich kurz, denn auf einmal drängt das Zeitfenster, wie die Pressefrau meint. Und siehe: Das Erste, was ihn erkennbar berührt, ist, dass der Aschenbecher im Wagen offenbar benutzt aussieht.

Ich hingegen frage mich unversehens, warum ich solche Leute auch nur zeitweise in mein Leben lasse.

Ich weiß nicht, ob du dir das vorstellen kannst.

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