Sturm vs. Macklin: „Das waren 12 Runden Hochgeschwindigkeitsboxen“

Ruppig schraubt der Barista den Wasserbehälter der Kaffeemaschine zu und beobachtet befriedigt, wie der ganze Apparat nachzittert.

„Hier, guck mal“, sagt er und feuert den Spiegel der vergangenen Woche über den Tresen. Die Sportbar hat einen intellektuellen Anspruch. Die Seite ist schon aufgeschlagen: Werbung von Sat.1. Felix Sturm, Weltmeister im Mittelgewicht, auf goldenem Thron in der Ringecke. Wer kommt auf eine solche Idee? Aber komisch, schon das erinnerte merkwürdig an die Inszenierungen von Arthur Abraham. Kein gutes Zeichen. Wussten die Werbeleute etwas, was wir nicht wussten?

Während ich noch auf das Bild von Felix Sturm blicke, richtet sich der Barista das weiße Schiffchen, das er auf dem Kopf trägt. Er sieht aus wie Soda-Jock. Ein Witz natürlich, aber sicher kann man sich bei ihm nie sein. Soda-Jock!

„Weissu?“, sagt Soda-Jock. „Neulich haben italienische Wissenschaftler dunkle Materie entdeckt. In einem Berg. Ich hätte auch da gesucht. Und in Unterföhrung ist eine Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg hochgegangen — ohne dass irgendwer etwas gesehen oder gehört hat. Weißt du, was das bedeutet?“

„Dass fraglich ist, ob sie überhaupt hochgegangen ist? Das Problem ist aber schon älter.“

„Genau“, sagt der Barista und weist mit dem Kopf in Richtung Plasma-Bildschirm, auf dem bereits Fußball läuft, noch stumm. „Aber daran musste ich denken, als der Sat.1-Reporter gestern Abend nach Sturm vs. Mackling sagte: ‚Ein großer Kampf im Mittelgewicht. Das waren 12 Runden Hochggeschwindigkeitsboxen.‘ Ich habe mich gefragt, welcher Kampf? Und wo sind die 12 Runden hin?‘

„Das ist der Fluch“, sage ich. „Dinge verschwinden.“

„Fluch?“

„Fluch. Wenn Dinge verschwinden. Dinge wie Mut und Entschlossenheit. Wenn der Champion sich hinter seiner Doppeldeckung einsperrt und nie wieder hevorkommt. Das sieht erst mal aus wie die reine Souveränität. Lass den Gegner sich austoben, lass ihm Raum, so kann ich ihn in Ruhe ausrechnen. Dann: Bumm! Deshalb warten auch alle auf den Moment, in dem — endlich! — der Champion herauskommt, sein wahres Gesicht zeigt, sich entfaltet. Er auch. Und er wartet und wartet, als wäre es nicht an ihm. Und irgendwann ist der Kampf vorbei. Das ist der Fluch.“

„Musst du noch immer diese Medikamente nehmen“, fragt Barista Soda-Jock.

„Yep. Aber betrachte das als allgemeine Lebensregel.“

„Du meinst, this applies to all things?“ (Ein Satz aus Ghost Dog — den wir beide lieben.)

„This applies to all things! Und zwölf Runden sind kürzer, als man denkt. Aber das weiß man erst am Schluss. Dann scheint es nämlich schon immer schnell gegangen zu sein. Hochgeschwindigkeitsboxen sozusagen, ohne das einer etwas gemerkt hat.“

„Also mir schien, als hätte er sich einmal zu oft die letzten Kämpfe von Arthur Abraham angesehen.“

„Meine Rede. Das ist der Fluch. Und das Einzige, was er am Ende wirklich gut konnte, war reden. Er redet wie ein Shoppingsender-Verkäufer. Ich finde, tiefer kann man nicht sinken.“

„Möglich. Ist doch nur Boxen. Aber weißt du, wen ich wirklich gern kennenlernen würde — falls er noch lebt: Den Kerl, der den Banana-Split erfunden hat. Der Champion der Soda-Jocks! Man weiß heute, es war ein einzelner Mann, der den Banana-Split erfunden hat, ein einzelner Mann allein hinter seiner Theke. Glaub mir, davor habe ich Respekt. Davor habe ich Respekt.“

„This applies to all things?“

„Nein, das gilt nur für ihn. Es kann nur einen geben, weissu?“

Dieses dämliche Weissu immer, ich gewöhne es mir selber langsam an.

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