Irrenhaus

Letzten Donnerstag kam Roger Willemsen in der „kulturzeit“ auf 3sat zu Wort. Der immer elegant gekleidete und sorgfältig frisierte Publizist sagte dabei unter anderem, „das ganze Ereignis ist erst hinterher gemacht worden“, 9/11 bestünde „aus allen Interpretationen, die später kamen“.

via Deutschland und 9/11: Ein Abgrund aus Infamie und Schadenfreude – Nachrichten Politik – Specials – 911 – WELT ONLINE.

Noch einmal zum Thema der Woche und an alle, die mich gefragt haben, was ich eigentlich gegen Roger Willemsen habe.

Nichts. Ich bin ihm nur einmal in der Maske eines TV-Senders begegnet, und selbst dort, in diesem idealerweise stillen Raum, hat er, laut und aufdringlich, alle zugequatscht. Aber Aufdringlichkeit ist weder ein Alleinstellungsmerkmal noch ein Vergehen. Kurz, ich habe gar nichts gegen ihn persönlich. Der Mann ist ja nur ein Symptom. Das heißt, er ist nicht allein, es gibt noch viele andere wie ihn, wie ein Blick in die Presse der vergangenen Tage gezeigt hat.

All dieses stussige bis unverhohlen dreiste Gelaber darüber, wie denn 9/11 „zu verstehen“ sei, jene „große Erzählung“ von den gestürzten Zwillingstürmen, es hat mich an eine Stelle aus einem Roman von Zadie Smith erinnert, den ich vor etlichen Jahren einmal übersetzt habe. Und es scheint, als hätten Intellektuelle seitdem nichts dazugelernt.

Wer es kurz nachlesen will, blättert hier weiter.

Howard, der Hochschulprofessor und intellektuelle Flachwichser, streitet sich mit seiner schwarzen Frau Kiki.

„Lass das“, schrie Kiki. „Sag so etwas nie wieder. Gott, als wären wir hier im Irrenhaus! Wirklich, manchmal kenne ich ich dich nicht mehr. Wie nach dem 11. September, als du an alle diese hirnverbrannten Mails verschickt hast, über diesen Baudry… Bodra… Bodra…“
„Baudrillard, Jean Baudrillard, ein Philosoph“, sagte Howard.
„Meinetwegen. Die Sache mit den simulierten Kriegen und diesem Scheiß. Ich weiß noch, wie ich dachte: Tickt dieser Mann eigentlich noch richtig? Denn ich habe mich für dich geschämt. Ich habe zwar nichts gesagt, aber ich habe mich geschämt, Howard“, sagte sie und schlug nach ihm, nur zu kurz. „Denn dieses Leben, es ist real, REAL!“

Der vorletzte Satz gefällt mir besonders: „Sie schlug nach ihm, nur zu kurz.“

Also noch einmal versuchen!

(Aus: Zadie Smith, Von der Schönheit, bei Kiepenheuer & Witsch)

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