Über William Gass‘ „Der Tunnel“ | Was reimt sich auf Auschwitz?


„Sie werden feststellen“, sagte der Weißhaarige, der uns, ein Bein nachziehend, vorausging, „dass Sie gar nicht umhin können, dieses Wort zu vervollständigen. Wir zählen dies zu den irreversiblen Geschichtsfolgen.“ (Foto: Flügelwesen / photocase.com)

NZZ: Kohler hat in «The Tunnel» einen Kollegen namens Culp, eine Art akademischer Clown, der die Weltgeschichte in Limericks erzählen will. Ihr Buch wimmelt nur so von zotigen, anstössigen und wirklich geschmacklosen Limericks aus Culps Feder.

William Gass: Das ist mir damals sehr leicht gefallen. Ich habe ein Talent für schmutzige Schüttelreime, die einem ja nicht in den Schoss fallen. Richtig böse Sachen schreiben zu können, ist eine Kunst. Solche Limericks müssen ja unter die Gürtellinie gehen, damit man sie nie wieder vergisst. Ich musste also verdammt gut sein. Wollen Sie einen hören? There once was a camp called Auschwitz, where the Germans continued their Jew-blitz. Their aim was the same If they shot, gassed, or maimed; While gold was reclaimed From the teeth that remained, and they sold off the hair for a few bits. (Es war mal ein Lager namens Auschwitz, das war für die Deutschen Fabriksitz. Strick, Gas oder Blei, ’s war Geschäftemacherei, und ganz vorurteilsfrei war auch Zahngold dabei, selbst die Haare war’n Ware für den Saufritz.) (Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl)

via William Frederick Kohler ist der Andere (Kultur, Literatur und Kunst, NZZ Online).

Dem deutschen Übersetzer indes fallen solche Limericks alles andere als leicht. Nicht nur handwerklich, sondern überhaupt. Will ich solche Gedanken wirklich noch denken und komisch sein? Will ich solche Witze machen?

Außerdem: Wenn ich gut bin (also technisch richtig, richtig, richtig gut), dann ist die Gefahr groß, dass sich diese Reime irgendwann auf irgendwelchen Neonazi-Seiten wiederfinden. Nicht sofort, denn diese PISA-Opfer lesen ja nicht. Aber irgendwann.

Außerdem: Es gibt im Deutschen kein „reines“ Reimwort auf Auschwitz. Ein kleines verrücktes Detail, das ich aber bedeutsamer finde als Adornos bescheuertes Diktum, dass es babarisch sei, nach Auschwitz noch Gedichte zu schreiben. Mein Kollege Nikolaus Stingl hat es dennoch versucht — und ist sogar fündig geworden, tief im Unreinen, es ging nicht anders.

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