Aus dem übersetzerischen Alltag | Heute: Auslassen und hinzufügen

Ein Beispiel: Auf der Trauerfeier für die Naziopfer dolmetschte eine Übersetzerin die vielzitierte Rede von Ismail Yozgat. Sie übertrug diese klare Rede nicht einfach, sie veränderte, fügte hinzu, ließ aus. Ein Skandal während einer solchen Gedenkstunde. Doch es brauchte Tage, bis eine Journalistin, Mely Kiyak, darauf aufmerksam machte. Da wurde aus der Bundeskanzlerin „unsere“ Bundeskanzlerin „Frau Angela Merkel“ und aus Kassel-Baunatal „meine Heimatstadt“ Kassel-Baunatal, weggelassen wurde die islamische Eröffnungsformel: Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen.

Ein Migrant wurde sprachlich geformt. So kam er uns näher, wurde uns zugehörig, so wie wir ihn uns gerne vorstellen. Die Übersetzerin brauchte dafür wahrscheinlich nicht einmal eine Anweisung, sie tat es aus freien Stücken.

via Integration: Ostdeutschlands Mief darf nicht auf den Westen abfärben – Andere Meinung – Tagesspiegel.

Wie man’s macht, ist es verkehrt. Na gut, man kann es einen Skandal nennen, wenn Übersetzer, normalerweise willenlose Relaisstationen in vertrackten Kommunikations- situationen, ihre heimliche Macht einsetzen („missbrauchen“) und zu diplomatischen Akteuren werden.

Mir gefällt diese Geschichte trotzdem, schon aus Solidarität. (Because we can!) Aber man sollte vielleicht hinzufügen, die Übersetzerin tat es nicht nur „aus freien Stücken“, sondern in der besten Absicht — und mit dem besten Resultat. Sie umschiffte einfach die gefährlichsten Klippen. Ist das ein Vergehen? Wer weiß, was sie damit verhindert hat. Außerdem werden Originaltexte sowieso leicht überschätzt.

Auslassen und hinzufügen mache ich selber auch gerne. Blödsinn fällt meist geräusch- und kommentarlos unter den Tisch. Wenn sich jemand beklagt, habe ich die Stelle eben übersehen.

Bei Hinzufügungen lautet meine Standard-Begründung: Das hat der Autor urprünglich schreiben wollen, doch dann klingelte das Telefon, und er hat den Satz  später vergessen.

Soll mir doch einer das Gegenteil beweisen.

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