100 Zeilen Hass auf gentrifizierte Kunst

Ich erinnere mich an eine Diskussion auf BR2, in der eine Musikerin, die neuerdings nicht mehr von ihrer Musik leben konnte, dennoch von den irren Möglichkeiten von YouTube und den Tauschbörsen schwärmte.

Warum macht ein Mensch so etwas? Preist etwas, das ihn ruiniert?

Na gut, die Musikerin tat es nicht ganz freiwillig, denn solche Sprüche gehörten noch vor ein paar Monaten zum guten Ton. Sogar der Moderator der Sendung war hörbar Filesharing-Enthusiast und steuerte das Gespräch entsprechend. Wer eine andere Meinung vertrat, gehörte zu den Ewiggestrigen, die immer noch nicht begriffen hatten, was Internet war.

So sah sie aus, die politische Korrektheit im Internet vor Sven Regener. Doch dann schlugen die Künstler zurück.

Und die Leser, die schlugen ihrerseits zurück — wie hier: Leserkommentare – Autoren und Künstler zum Urheberrecht: „Wir sind die Urheber“ – taz.de.

Künstler sind per se ja nicht abzulehnen. Sie sind zwar nicht ganz so wertvoll wie jene „einfache Krankenschwester“ im Nachtdienst, die in Mindestlohndiskussionenn immer beschworen wird, dennoch, was wäre die Welt ohne Künstler? Doch spätestens dann, wenn aus Künstlern Urheber werden, kommt es zur bösen Verwandlung, zeigen sie ihre hässliche Fratze und lenken wütende Farbbeutel auf sich wie einst Joschka Fischer oder „luxussanierte“ Immobilien.

Dreist sei ihr Begehr, unverdient das, was sie als ihren Künstlerlohn  verlangen —  und vor allem so wenig „webaffin“ und „kundenorientiert“, dass sie eigentlich gar keine Kunden haben sollten, sondern höchstens anonyme Selbstbediener. Mehr ist nicht, das muss jedem Künstler reichen, er hätte ja auch etwas anderes werden können.

Kunst zum Mitnehmen. Zum Mitnehmen, was geht. So genannte Urheber sind selber schuld, wenn sie etwas geschaffen haben (ein gern gebrauchtes Wort der taz-Leser hierfür ist „Ergüsse“), was andere  a) haben wollen und   b) leicht klauen können. Gelegenheit macht nach dieser Logik nicht nur Diebe, sondern setzt geradezu neues Recht, das Recht auf Diebstahl.

Es trifft ja die Richtigen. Macht bankrott, was euch die Welt verschönert.

Was in den taz-Leserreaktionen zum Ausdruck kommt, ist — neben der geradezu abenteuerlichen Ahnungslosigkeit — ein  kaum verhohlener Hass auf alles Kreative, und ich habe keine Erklärung dafür, woher er kommt. Vielleicht daher, dass Künstler etwas Besseres sein könnten? Oder nur wollen?

Sind sie nicht. Aber hier genügt bereits Verdacht.

Nur ein Einziger namens Joe spricht das moralische Dilemma aller Filesharer und Piraten-Sympanthen an, und es betrifft ausnahmsweise einmal nicht die Reichen, Mächtigen und Firmen, von denen sonst gern Moral gefordert wird.

„Wie kann man einerseits Musik lieben, und andererseits denjenigen, die sie erdacht haben, ihr Herzblut vergossen haben, ihr Innerstes nach außen kehren, so dermaßen ans Schienbein treten?“
Das konnte mir noch keiner beantworten.“

Na ja, vielleicht hilft auch hier die Logik der Spacken-Gier. Was haben sie, die Künstler, auch ein Schienbein? Wenn sie erst am Stock gehen oder auf einem Original-Piraten-Holzbein, am besten mit der passenden Piraten-Holz-Kopfprothese dazu, tut’s vielleicht nicht mehr so weh. Ist ohnehin alles nur eine Realität außerhalb des Netzes, also fast nicht wahr.

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