Original Natur-Letscho, entweder schlecht oder schön

Autoren / Brücke Berlin Preis | LCB – Literarisches Colloquium Berlin.

Der Literatur- und Übersetzerpreis „Brücke Berlin“ geht 2012 an den ungarischen Autor Péter Nádas und seine Übersetzerin Christina Viragh für den Roman Parallelgeschichten.

Wer solche Preisverleihveranstaltungen kennt, insbesondere die Ansprachen der unvermeidlichen „Schirmherren“, der genehmigt sich vorher an der Bar noch paar Drinks, denn das Aas dauert und ist doof und peinlich ohne Ende.

Nicht so in diesem Jahr, denn Péter Esterházy hielt eine Rede voller blitzender, unerwarteter Beobachtungen, nachzulesen in der gedruckten SZ von heute. Etwa:

Ich zum Beispiel freue mich ausgesprochen, wenn ich an einem meiner [ungarischen] Sätze sehe, dass er nicht übersetzbar ist. Mein Jubeln hält so lange an, bis ich mich mit meinem Übersetzer an die Arbeit mache. Das größte Hindernis des Übersetzens ist der Text selbst, befürchte ich. Allerdings ist er auch seine einzige Chance. In der Übersetzung geht vieles verloren, darüber jammern wir meistens. Wenn der deutsche Satz ungenau ist, ist er schlecht. Wenn der ungarische Satz ungenau ist, dann ist er entweder schlecht oder schön. Was passiert mit dieser Schönheit?

Ja, was? Ein Satz von bezaubernder Kryptik, aber nicht ohne Bezug zur Realität: „Wenn der deutsche Satz ungenau ist, ist er schlecht. Wenn der ungarische Satz ungenau ist, dann ist er entweder schlecht oder schön. Was passiert mit dieser Schönheit.“

Okay, mal ein Beispiel …

Ich bin vor kurzem auf die Angaben eines Spezialitäten-Versenders hereingefallen, der etwa folgendermaßen argumentierte: „Begnügen Sie sich nicht länger mit ostdeutschem Spreewald-Letscho, das ist höchstens nach ungarischer Art, und was das bedeutet, wissen kritische Verbraucher ja. Fake, billige Nachahmung, not the real thing! Kaufen Sie stattdessen das original Natúr lecsó direkt aus Ungarn! Mit 30% paprikával, dreißig Prozent Paprikaanteil!!!“

Ein schöner, genauer Satz, zweifellos. Trotzdem muss ich leider sagen, der dreißigprozentige Paprikaanteil, Esterházys Schönheit sozusagen, er machte sich nicht nur ziemlich dünne, er hatte sich geradezu verdünnisiert.

Ich habe keine Ahnung, was das jetzt bedeutet. Ich fand nur, es gehört hierhin, irgendwie. Und original Natúr lecsó kaufen wir von jetzt an ebensowenig wie die schwarz gefärbten grünen Oliven von Dittmann.

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