Die Seuche

Übersetzer haben es nicht leicht. Einen literarischen Text von einer Sprache in eine andere überzuführen, ist eine ganz eigene Kunst. […] Der heute öfters beschrittene Königsweg (oder ist es eine Mode?) der höchst sorgfältigen, aber treuherzig wörtlichen Übertragung gebiert hier mitunter Ungelenkiges.

via Martin Amis‘ neuer Roman | Die Zangen der Lust – NZZ.ch, 07.06.2012.

Nein, es ist weder Königsweg noch Mode, es ist die Seuche, geboren aus Kleinmut, Lust- und Talentlosigkeit. Es gibt ganze Verlagshäuser, die von dieser Seuche befallen sind — und die sich etwas darauf einbilden, Generationen von Übersetzern zu versauen.

Wer einen Text eins zu eins ins Deutsche häkelt, tut erst mal so, als wolle er dem Original nichts antun. Möchte ihm sozusagen kein Haar krümmen.

Im Gegenteil, man will um jeden Preis bewahren, konservieren, fixieren und spart nicht mit Haarspray. Darüber hinaus will man nichts, schon gar kein Konzept, das auch mit den Schwächen den Originals fertig wird. Das ausnahmslos dürftige Ergebnis dieser Methode, ein Ergebnis, das sich überdies völlig bescheuert liest, scheint indes keinen zu schmerzen. Der Spaß ist zwar weg, aber bei echter Literatur gilt es das auszuhalten.

Mama, die Frisur sitzt nicht.

Das ist es ja gerade, das ist die Kunst! Die schräge Perspektive ist gewollt, die verfilzte Syntax zeigt die innere Zerrissenheit auf … und die Sprachlosigkeit.

Mich instruierte ein Lektor der Eins-zu-eins-Häkelfraktion einmal sogar, überall dort, wo im Englischen ein Semikolon steht, auch im Deutschen eines zu setzen. Denn das und nur das würde dem Original gerecht. Meine Antwort, dass ich ein Semikolon eigentlich nie gebrauche, weil es, außer in bilbiographischen Angaben, eigentlich zu nichts zu gebrauchen sei, markierte den Anfang vom Ende unserer Zusammenarbeit.

Egal, wie man es wendet, reine Wörtlichkeit, mangelnde Risiko- und Spielfreude sind nichts weiter als Bürokratismus, und jeder Autor müsste eigentlich entsetzt sein, wenn man sein Buch durch diese Mühle dreht.

Allerdings ist es ein Bürokratismus, der sich mit einem eigenartigen Wunderglauben verbunden hat. Nämlich dass Kunst entstehe, sofern man nur dem allereinfachsten, quasi idiotensicheren Rezept folgt. Das jedoch geschieht auf ganz natürliche Weise … nicht. Kunst verträgt wahnsinnige Ideen, aber keine idiotensicheren. Deshalb eben müssen alle Beteiligten ganz fest daran glauben — am Ende sogar das Buch.

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