Wer resozialisiert Breivik?

Ich wollte eigentlich nie über dieses Thema schreiben, weil es für den Coyoten eine Nummer zu groß ist, aber in der Zeit beglückwünscht sich Jörg Lau gerade dafür, wie wir mit Breivik fertig werden, und feiert das Ganze als einen „bewundernswerten Sieg der modernen Gesellschaft“. Öffentlicher Exorzismus wäre wohl das bessere Wort, Teufelsaustreibung.

Immerhin, es gibt ein Urteil, aber ist das schon ein Sieg, gar ein bewundernswerter? Zumal auf dem Weg dorthin so ziemlich alles infrage gestellt wurde, was sonst zu unseren Überzeugungen und zu einem normalen Strafprozess gehört.

Etwa: Darf sich der Angeklagte erklären, auch wenn er den Gerichssaal als Bühne missbrauchen könnte?

Darf so einer wie Breivik überhaupt unzurechnungsfähig sein, wenn die „moderne Gesellschaft“ für ihren eigenen Frieden so dringend einen Schuldigen braucht und sich auf keinen Fall mit einem Wahnsinnigen zufrieden gibt? Was wäre gewesen, wenn auch das zweite psychiatrische Gutachten zu genau diesem Schluss gekommen wäre?

Ist das übliche Lebenslänglich für dieses crimen exceptum nicht doch etwas zu kurz? Darf für einen verurteilten Massenmörder wie Breivik auch nur entfernt die Aussicht auf Freiheit bestehen? Und: Kann Resozialisierung hier im Ernst der Sinn der Strafe sein oder steht nicht, wie in den USA, besser die Vergeltung im Vordergrund? Vergeltung und komplette Löschung seiner Person, tunlichst bereits während des Verfahrens? Und ist nach erfolgtem Schuldspruch die isolierte Sicherheitsverwahrung nicht viel zu nett?

Verdient so ein Angeklagter überhaupt einen Anwalt? Und wenn ja, wie sollte des Teufels Advokat zu seinem Mandanten stehen? Dürfte der Angeklagte ein Opfer der sozialen Verhältnisse sein? Erhielte er nicht genutzte taz-Ferienabos in den Knast geschickt oder wäre das selbst der taz zu viel des Guten?

Wiegen 77 Tote nicht doch schwerer als die zwei toten und zwei schwerverletzten GIs beim ersten islamistischen Anschlag in Deutschland, der nicht verhindert werden konnte? Das deutlich geringere Medienecho könnte darauf schließen lassen. (Kleiner Test: Wie hieß der Attentäter, weiß das noch jemand? Auch ihm wurde seinerzeit eine besondere Schwere der Schuld attestiert.)

Welcher Sartre käme ihn besuchen?

Bis auf die letzte wurden alle Fragen so oder so ähnlich gestellt. Sie sind, wenn nicht berechtigt, zumindest verständlich.

Der ganze Prozess ist also eine einzige Provokation, rüttelt heftig an allem, was sonst „Konsens“ ist, und hinterlässt ein Urteil, das als so unbefriedigend empfunden wird, dass Jörg Lau noch eine Art Bannfluch hinterherschickt, indem er der Richterin folgende Gedanken in den Kopf legt: „Wir wissen, wie Du [Breivik] tickst und was Dich zu Deinen Taten getrieben hat. […] Die Auseinandersetzung mit dem Ungeist, für den Du stehst, wird eine politische sein, keine psychiatrische.“

Offenbar der besondere Dreh bei einer Teufelsaustreibung: Da man nie sicher sein kann, ob es auch geklappt hat, muss man weitersuchen. Teufel finden sich schon, wenn man an Ungeister glaubt und nicht an abweichende Meinungen.

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