Nationales Intelesse: Die Übersetzer-Plattnase der Woche

Übersetzer gelten ja immer als die großen Brückenbauer, aber wo Inseln im Weg stehen, muss das so nicht stimmen. Wie die Süddeutsche heute in ihrer gedruckten Ausgabe berichtet, hat sich Lin Shaohua, der chinesische Übersetzer des japanischen Autors Haruki Murakami dafür ausgesprochen, sämtliche Murakami-Werke in China, aus dem Verkehr zu ziehen. Grund ist der so genannte „Inselstreit“ zwischen China und Japan.

Ein Übersetzer, der seinen eigenen Bücher in die Tonne treten will, gibt es das?

Lin Shaohu übersetzt Murakami seit Jahrzehnten (auf Deutsch erschienen Gefährliche Geliebte und 1Q84) und hat schon viel Freundliches über den Autor gesagt, der ihm eigentlich so nahesteht. Aber damit ist jetzt Schluss, dem dumpfen chinesischen Nationlismus sei Dank.

„Wenn japanische Bücher aus den Läden veschwänden, würde das zwar meine persönlichen Interessen beeinträchtigen“, räumt Lin ein. „Aber das nationale Interesse und die nationale Identität sind wichtiger. Jeder, der eine nationale Identität besitzt, sollte diese als oberste Priorität betrachten.“

Die verrottete Machtclique in Beijing wird das gerne hören. Glosse Halmonie!

Trotzdem gibt es wahrscheinlich keinen besseren Zeitpunkt, sich selber ins Bein zu schießen. Murakami, immerhin „sein“ Autor, wird derzeit als einer der heißen Nobelpreiskandidaten gehandelt. Der Kollege Lin ist daher meine Übersetzer-Plattnase der Woche — mit einer 1-a nationalen Identität als Festlandchinese.

Vielleicht sollte man ihm mal sagen, dass das Reich der Mitte eben nur von China aus betrachtet in der Mitte liegt.

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