Mein Autor nervt


The translatable version est arrivée. (Foto: Corky)

Mein Autor nervt. Mein Autor ist Amerikaner. Sein Amerikanischsein ist zwar nicht der direkte Grund für sein Nervigsein, aber Teil des Problems.

Als Amerikaner weiß er: „Dollars heute sind besser als Dollars morgen.“ Er weiß zwar nicht, dass ich es weiß, aber ich weiß es, denn ich habe mal ein Standardwerk zum Thema übersetzt (Bauman u. Klein, Economics: Mit einem Comic zum Wirtschaftsweisen). In dieser Hinsicht ist mein Deutschsein so marktorientiert wie sein Amerikanischsein.

Die ersten Dollars heute für sein Buch hat er übrigens vor einem Jahr kassiert, erst danach fiel ihm ein, dass sein Buch noch nicht fertig ist. Das heißt, es gab zwar einen großen abgeschlossenen Haufen Papier, nur er selber, als Autor, hatte damit noch nicht abgeschlossen. Kurz, das Buch war noch nicht fertig, das heißt, ich könnte mit der Übersetzung zwar anfangen, sollte sogar unbedingt anfangen, weil sich an der Deadline nichts ändern durfte, andererseits auch wieder nicht, weil das Buch … eben noch nicht fertig ist und später, irgendwann, die Endfassung kommt, vielleicht. Der Haken ist nur, dass ich dieselbe Arbeit ungern zweimal mache. Oder dreimal. Oder hundertmal.

Und das nervt.

Mittlerweile, ein Dreivierteljahr später, sind wir bei der x-ten Version, und ich vermute psychische Ursachen dahinter. Offenbar ist mein Autor nicht nur Amerikaner, sondern auch ein ziemlich analer Typ. Er kann einfach nicht loslassen.

Für jede neue Version benötigt er etwa 6 bis 7 Wochen. Auf 900 Seiten und bei der Vielzahl der Änderungen ist das eine Leistung, wie sie nur Besessene fertigbringen.

Die Änderungen als solche, nun, sie fallen unter die Kategorie „Kann man machen, muss man aber nicht.“ Änderungen ohne erkennbare Verbesserung. Zuweilen schafft er es sogar, sich selber die besten Stellen zu streichen. Nach meinem Verständnis ist das reiner Darwin, denn so etwas muss man sich leisten können. Es sei denn, man ist total bekloppt und ein analer Typ.

Aufs Ganze gesehen liegt er mit seinem Beklopptsein trotzdem nur im Mittelfeld. Ich habe schon viel Beklopptere übersetzt als ihn, darf aber nicht verrraten, wen, weil ich dann Pesönlichkeitsrechte verletze (Wahnsinn ist ein solches) und viele Dollars zahlen müsste, und irgendetwas in meinem Übersetzersein sagt mir, dass Dollars haben besser ist als Dollars blechen.

Aber es nervt. Zumal ich mich unverstanden fühle, zum Beispiel von meiner Lektorin, Frau Schmidt-Boulanger. Frau Schmidt-Boulanger erkennt das Problem einfach nicht, nämlich wie man einen Autor ernstnehmen soll, der sich offenbar selber nicht ernstnimmt. Zumindest nicht so ernst, dass er einfach mal stehenlässt, was er geschrieben hat, sondern immer wieder wieder von vorn anfängt. Auch auf persönlicher Ebene, sage ich Frau Schmidt-Boulanger, stelle ich mir einen solchen Autor eher als unangenehmen Menschen vor. Aber das hätte ich besser nicht sagen sollen.

Denn Frau Schmidt-Boulanger verteidigt die Autoren, die sie selber eingekauft hat. Verteidigt sie gegen alle, die ihren Autoren etwas wollen oder von ihnen etwas wollen, und da stehen Übersetzer ganz oben. Frau Schmidt-Boulanger wird sogar richtig ungehalten und sagt: „Der Autor“, sagt sie, „der Autor geht sie gar nichts an!“

Aber das sehe ich ihr nach. Frau Schmidt-Boulanger ist zwar von dem Autor, den sie so vehement verteidigt, ebenso genervt wie ich, aber es ist gerade kein anderer da, an dem sie es auslassen kann. Also sage ich nur: „Sie haben so schöne Hände, Madame …“ Der Satz ist nicht einmal von mir, sondern aus einem meiner All-time-Lieblingsfilme.

Zwei Tage später bekomme ich eine translatable version. Ein Anfang, könnte man denken, aber ich lasse mich nicht mehr täuschen, nicht von analen Autoren. Ich weiß: translatable version ist noch lange nicht final version, aber translatable version heute ist besser als translatable version morgen.

Außerdem enthält das Wort ein verstecktes Kompliment – und viel, viel Vertrauen, und das von einem so analen Typen, der nicht einmal sich selber traut. Ich weiß das zu schätzen. Es ist mehr, als ich von Frau Schmidt-Boulanger je bekommen werde.

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