Leute, die an allem schuld sind | Heute: Kinder

WWF mahnt Verwendung von Tropenholz für die Produktion deutscher Kinderbücher an – Affären – News – BuchMarkt.de.

Sie tun immer so verletzlich: Kinder. Selbst wenn sie nur auf ihr blödes Dreirad steigen, schützen sich die Kurzen mit Sturzhelm und Reflexweste, mindestens. Geht es allerdings um die bedrohte Umwelt, sind sie weniger zimperlich. Jedesmal, wenn sich die denkfaulen Rotzlöffel etwas vorlesen lassen wollen, zwingen sie ihre überforderten Eltern, vorher ein Stück Regenwald abzuholzen. Wie schäbig ist das denn?

Haben wir diese selbstsüchtigen Chuckys etwa nicht lange genug indoktriniert? Haben wir nicht tausendmal gesagt, Tropenholz ist böse?

Deshalb mahnt jetzt der WWF die verstärkte Verwendung von Tropenholz an, wie Buchmarkt.de meldet. Sobald der letzte Baum weg ist, werden die Kinder schon merken, dass man Papier nicht essen kann. Das haben sie dann davon. Doch die Geschichte geht noch weiter.

Die Welt ist nämlich komplex, und der einzig wahre Umweltschutz kommt in diesen Tagen von unerwarteter Seite, denn der Einzige, meines Wissens wirklich der Einzige, der dauerhaft etwas gegen die ungeheure Papierverschwendung unternimmt, ist … mein kleiner freundlicher neighbourhood sex shoppe. Ich war allerdings schon länger nicht mehr da, deshalb traf mich die Veränderung unvorbereitet und mitten ins Herz. Denn es gab, außer ein paar älteren Ausgaben auf dem Grabbeltisch, keine Magazine mehr, Print war praktisch verschwunden, einfach weg, nur ein paar Nummern Buttman hielten, prall und hochglänzend, den verlorenen Posten. Ansonsten starrten mich aus den Regalen nur die nichtsssagenden Rücken der DVD-Boxen an. Nicht gerade ein Fest für die Sinne. Außerdem hasse ich beschissene Dialoge. Kurz und gut, ich bin ein Print-Mann und werde es immer sein.

Grabbeltische ähneln einem Schlachtfeld — nach der Schlacht. Hier also lagen die Geschlagenen, nackt und ohne Wehr dem Fleddern preisgegeben. So nackt, wie Pornomodels eingentlich sonst nie sind. Ein Anblick, der mich fassungslos machte und der sich immer noch schwer beschreiben lässt. Ich stand — ohne Übertreibung — vor den Resten einer ganzen Kultur. Ja, einer Kultur! Was wir vielleicht aber erst begreifen werden, wenn Alice Schwarzer achtzig und auch das letzte Pornoheft verschwunden ist. Die, die nach uns kommen, ausgerechnet die aus der „Generation Porno“ (ein Witz, oder?), werden nicht mehr wissen, was es da alles gab, und wie aufregend es war.

Wo sind sie geblieben, die einst so stolzen Serien von Silva, CCC oder Seventeen, die meine formativen Jahren begleiteten? Wo sind die feine Mayfair, die explizit krasse Knave oder Hustler samt ihren Ablegern für diejenigen mit special needs?

Ich wusste, fleißige Archivare sammeln dieses Zeug mittlerweile. Natürlich im und per Internet, wo sonst? Sie fahnden dort nach verschollenen Nummern, bemühen sich, Serien und Jahrgänge zu komplettieren, scannen und speichern, was noch greifbar, suchen zu retten, was irgendwie zu retten ist. Mit Hilfe ihres Suchdienstes habe habe ich meine frühe Liebe wiedergefunden, ein Filmsternchen namens Penny Chisholm. Penny war ein Mädchen, dessen Karriere ich über viele Jahre hingerissen verfolgte, einschließlich aller Frisurwechsel, der ich immer verfallen war und die ich deshalb seit Jahrzehnten  nicht vergessen kann. Es klingt selttsam, aber Penny Chisholm gehört zu den Wenigen, denen ich immer treu war. Klar, das Internet findet sie noch heute, aber kann das Internet auch einen solch magischen Eindruck hinterlassen wie eine historische Ausgabe von Mayfair?

Wie werden zukünftige Archäologen einmal diese Zeit bewerten, als eine ganze Bildkultur plötzlich und unerklärlicherweise unterging? Was war zu Beginn des 21. Jahrhunderts passiert? Eine Katastrophe? Ein Meteoriteneinschlag mit verheerenden Bränden weltweit? Ein Bildersturm von Fundamentalisten?

Ich fragte den Besitzer. Ich war, wie gesagt, zwar schon länger nicht mehr da gewesen, aber er erkannte mich sofort  — weil, wie er sagt, Leute in Sex-Shops normalerweise weder ansprechbar sind noch selber reden, denn hier spricht die Macht. Ein sehr persönlicher, vielleicht nicht immer angenehmer Gott. Das haben Sex-Shops mit Kirchen gemeinsam. Aber ich komme aus Köln und rede gern, weil mein normales Leben sozusagen auf der Tucholsky-Treppe stehengeblieben ist. Ich habe mich schon öfter mit ihm unterhalten.

„Nun ja“, seufzte er, „was Sie hier sehen, sind die Letzten ihrer Art. Das meiste wurde eingestellt. Irgendwie wollen die Leute das nicht mehr. Wir kaufen nur noch Restbestände, danach ist Schluss. Die großen Ketten bieten so etwas ohnehin nicht mehr an. Nur noch DVD. Und Internet eben.“

„Aber das können sie nicht machen“, sagte ich. „Ein Nachtkästchen ohne Pornos, das ist unmöglich, das geht nicht. Das ist ein Widerspruch in sich..“

„Offenbar nicht. Sie brauchen heutzutage ja auch keinen Wecker mehr auf dem Nachtkästchen, ein Handy reicht. Das Handy erledigt alles.“

„Trotzdem, gut ist das nicht …“

„Dann greifen Sie zu, solange der Vorrat reicht. Was war es noch mal, auf was Sie stehen? Sie sind ein A******-Typ, richtig?“

„Nicht ganz.“ Ich sagte es ihm.

„Haben wir noch da, aber weiter unten in der Schütte. Ich habe sie zu Fünferpacks zusammengestellt. Kann sein, dass Sie dann einiges doppelt haben, dafür aber zu einem sensationellen Preis. Ist Ihnen eigentlich klar, was diese Hefte eines Tages wert sind? Wissen Sie, was unter Sammlern schon heute für eine Erstausgabe von B**** bezahlt wird? Vierstellig, locker. Vierstellig.“

„Ist das wahr? Trotzdem schade. Es geht nichts über gedruckte Magazine, nur Print hat ein Centerfold. Wo sollen jetzt alle die Centerfolds herkommen? Ich meine, ein Spind ohne Centerfold ist wie …“

„Ist aber besser für die Umwelt“, mischte sich die gelangweilte Frau an der Kasse ein, und ich erwachte aus meiner nostalgischen Erschütterung und dachte nur: What the fuck am I doing here? Umwelt? This is Umwelt! Can’t you see that?

Und was hat eigentlich dieser japanische Fotograf zu dem Thema gesagt? Der mit den Schwarzweißbildern, wie hieß er noch? Das war mal Schmutz und ist heute Kunst. Ich muss mal im Internet nachgucken.

Und das alles hier … jekäuf! Packt den ganzen Schwung in eure soliden, blickdichten, bei Sexshopkunden so beliebten Tüten aus der Konkursmasse von längst nicht mehr existierenden Modeboutiquen. Zum ersten Mal in der Geschichte ist es dann keine verschämte Tarnung mehr, zum ersten Mal passen Hülle und Inhalt auf eine tiefe Weise zusammen. Ein unglaublicher Moment, wenn man darüber nachdenkt. So wird etwas zu Grabe getragen. Hat eigentlich irgendwer je darüber nachgedacht?

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