Noch einmal die beste Zeitung Deutschlands machen

Dafür ist später immer noch Zeit. (Foto: U.Grob)

Dafür ist später immer noch Zeit. (Foto: U.Grob)

BenQ, Nokia, Maxhütte, Neckermann, Schlecker und demnächst vielleicht Opel Bochum: Wenn bekannte Unternehmen dichtmachen, wird gern auch ein Film darüber gedreht. In Zeiten der Krise ist es fast so etwas wie ein Subgenre, über die quälende Schlussphase eines verlorenen Spiels und die Schicksale, die dahinterstehen. So war es auch bei der Financial Times Deutschland.

Ein NDR-Team hat die Redakteure während ihrer letzten sieben Arbeitstage begleitet, als noch einmal, im Angesicht des Endes, versucht wurde, die beste Zeitung Deutschlands zu machen. Sie sind Wirtschaftsjournalisten genug, um zu wissen, dass es sie nicht retten wird, aber sie tun es … trotzdem. Sie können gar nicht anders. Als wäre es das Letzte, was sie mit dem Leben verbindet.

Tod einer Zeitung: Die letzten Tage der „FTD“ | NDR.de – Regional – Hamburg. (In zwei Teilen auch auf YouTube.)

Was diesen Film von anderen Untergangs-Reportagen unterscheidet: Diesmal trifft es keine Arbeiter bei Nokia, sondern Leute wie mich. Leute, die so reden wie ich, vermutlich so ähnlich denken, so ähnlich arbeiten wie ich. Leute, die sich sogar so anziehen wie ich. Ich bin keinem von ihnen je begegnet, aber ich weiß, es gäbe zwischen uns keine Verständigungsprobleme, denn ich habe selber schon bei einer Zeitung gearbeitet. Ich kenne die Abläufe, und ich kenne diesen eigenartigen Wahnsinn, der jeden packt, der weiß, wofür er es macht: für die beste Zeitung Deutschlands. Deshalb wollten es auch die FTD-Redakteure noch einmal allen zeigen.

Die Situation ist nicht ganz vergleichbar, aber ich habe vor einiger Zeit einen längeren Text zu Ende geschrieben, einen Text, von dem ich wusste, dass er nicht mehr gedruckt wird. Es war absurd wie Bölls Ende einer Dienstfahrt, aber ich war gezwungen, es zu tun, weil ich nur für eine ordnungsgemäß abgeschlossene Arbeit eine Rechnung schreiben konnte. Die ganze Sache war also definitiv für die Schublade, es war nicht einmal sicher, ob überhaupt jemand diesen Text noch zu Gesicht bekäme. Irgendein hingerotzter Mist hätte also die formale Bedingung eines ordnungsgemäß abgeschlossenen Texts locker erfüllt.

Aber falls doch? Was, wenn auch nur einer diesen Text lesen würde?

Dann sollte er das Beste bekommen, wozu ich imstande bin. Er sollte wissen, wen er da nicht haben wollte und was er da alles verloren hatte, und wenn ich noch eine volle Woche Arbeit dranhänge. Natürlich handelt es sich dabei um absolut beschissenes Zeitmanagement, jeder Karrierecoach würde von solchen Aktionen abraten. Zu viel Symoblcharakter. Zahlt sie nicht aus.

Aber ich mache jetzt einmal Folgendes, ich nehme etwas für mich in  Anspruch. Es stammt von Henry James, und — no, sir — eine Nummer kleiner geht es nicht. Das von Henry James geht nämlich so: “We work in the dark – we do what we can – we give what we have. Our doubt is our passion, and our passion is our task. The rest is the madness of art.”

Die FTD-Redakteure erfuhren übrigens zuerst aus anderen Medien, dass sie gefeuert waren.

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