Aktuell

Hier sind alle neueren Sachen zu finden — und weiter unten meine Lieblingsbücher, also diejenigen, bei denen ich von der ersten Zeile an gewusst habe, warum ich Übersetzer geworden bin.

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Gaddis.inddDiamanten sind für ewig, Bücher oft nur Saisonware. Umso schöner, wenn nach fast zwei Jahrzehnten eine der ganz frühen Übersetzungen noch einmal erscheint, weil sie so außergewöhnlich war.

Sogar das Radio war da, und ich sage Sachen wie: „Ich glaube, dass das Buch auf Deutsch lesbarer und viel lustiger und heller ist als im Original. Das Original ist rigoros und wirklich absolut düster. Düster auf eine Art, die ich nicht persönlich nicht ertrage. Und deshalb habe ich den Roman ein bisschen angehoben von seiner Stimmung her. Wenn Sie so lange an einem Buch arbeiten, dann tun Sie etwas für den Autor und sagen: Ich sorge dafür, dass es dir hier, in der deutschen Version, besser geht als im Original.“
William Gaddis, Die Fälschung der Welt, bei DVA

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Sie sind zwei Auftragskiller, und sie reiten durch ein Land unbegrenzter Möglichkeiten, das trotzdem bereits wie verwüstet wirkt.

Oder wie Eli, der Erzähler, an einer Stelle über die Pioniere und Glücksritter bemerkt: „Dies ist eine findige Spezies.“

Und irgendwie scheint das Buch, das ich derzeit übersetze, die Fortsetzung dieses Westerns zu sein, denn dort heißt es: „Das Land war so reich an Leben, wie es heute vor lauter Menschen verrottet ist.“

Patrick deWitt, Die Sisters Brothers

Textauszug und Cover (c)  Manhattan Verlag

Das Duell

„Eins …“, zählte ich. Aber da brach schon der Feuersturm aus unseren Pistolen los. Vier Kugeln flogen gleichzeitig durch die Luft und fanden ihr Ziel, nämlich die Stirn des Gegners. Die Fallensteller sackten zusammen, um nie wieder aufzustehen. Es war eine makellose Tötungsaktion, nie waren wir schneller und effizienter gewesen. Weswegen Charlie, kaum war der Feind gefallen, in unbändiges Lachen ausbrach, wie auch ich übrigens, wenngleich mehr aus Erleichterung. Aber Charlie, glaube ich, war wie elektrisiert vom Anblick der Leichen am Boden. Reicht es eigentlich nicht, noch einmal davongekommen zu sein, dachte ich. Der kluge Mann sollte stets bei sich sein, selbst da, wo jeder andere außer sich ist. Der Fallensteller mit dem schwarzen Bart atmete übrigens noch, und ich ging hin. Er wirkte verdutzt, und sein Augen irrten hin und her.
„Was war das für ein Lärm?“, fragte er.
„Das war die Kugel, die in dich eingedrungen ist.“
„Eine Kugel, wo?“
„Die Kugel in deinem Kopf.“
„Ich merke nichts. Und hören tue ich auch nichts mehr. Wo sind die anderen?“
„Sie liegen neben dir auf der Erde. Sie haben ebenfalls eine Kugel im Kopf.“
„Ach wirklich? Und warum sagen sie dann nichts? Ich kann sie nicht hören.“
„Natürlich nicht. Sie sind tot.“
„Und ich bin nicht tot?“
„Noch nicht.“
„Chhhhh“, sagte er. Daraufhin fielen ihm die Augen zu, und sein Kopf lag still. Ich trat einen Schritt zurück …

Das Bis-drei-Zählen war ein alter Trick von uns und nichts, wofür wir uns schämten. Stolz waren wir allerdings auch nicht. Es war das Mittel der Wahl in einer ausweglosen Situation und hat uns mehr als einmal das Leben gerettet.

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Der verborgene Zauber des ganz normalen Lebens! Bevor jetzt alle stöhnen, ob sie den Lektoren in der Titelfindungskonferenz K.O.-Tropfen in den Kaffee getan haben, nur so viel: der Titel lautet auch im englischen Original nicht anders, nämlich The Secret Intensity of Everyday Life. Diesen verborgenen Zauber zum Glitzern zu bringen und zwar im Rahmen eines „mittleren Romans“, wie es die SZ kürzlich nannte, braucht es die wirklich guten Jungs. William Nicholson ist so einer.

Er hat schon alles gemacht: Dokus für die BBC, Fantasy (Aramanth-Trilolgie), Drehbücher (Spartacus), Theaterstücke. „William Nicholson is a screenwriter, playwright and novelist“, informiert lapidar seine Webseite. Und ganz unten findet sich das Bekenntnis: „I love my family more than my writing.“ Punkt. Ich habe keine Ahnung, wie viele deutsche Autoren so etwas täten. Nicht viele.

Was ich an ihm gut finde, passt ebenfalls in einen Satz. Here goes: William Nicholson beginnt jede Geschichte exakt an dem Punkt, an dem es interessant wird.

Für einen abgenutzen Übersetzer, der schon so viele „mittlere Romane“ ins Deutsche geschleppt hat und den absehbare Pflichtszenen so astronomisch müde machen, ist es das Größte, was ein Schriftsteller überhaupt erreichen kann. Keine Sekunde langweilig.

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Erpresserische Banken, kopflose Politiker und Wutbürger, denen auch nichts anderes einfällt, als irgendwelche öffentlichen Plätze zu occupyen …

In einer Zeit, in der linke Kommentatoren zum tausendsten Mal das Ende des Kapitalismus ausrufen, geht der Manhattan-Verlag mit dem Comic-Grundkurs von Yoram Bauman und Grady Klein noch einmal ganz auf Anfang und erinnert so daran, dass es möglicherweise die falsche Strategie ist, der Unsichtbaren Hand dauernd mit alternativlosen Unsinn in den Arm zu fallen.

Komischerweise hat nicht einmal das SPD-Parteiblatt Vorwärts wesentliche Einwände und bescheinigt dem Buch: „Nicht nur jedem Wirtschaftsstudenten zu empfehlen, sondern auch jedem interessierten Laien.“
(Yoram Bauman u. Grady Klein, Economics: Mit einem Comic zum Wirtschaftsweisen, bei Manhattan)

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Joshua Ferris war so stolz auf die Krankheit, die er für seinen Helden ersonnen hatte. Anders als ich übrigens, der seine Begeisterung zunächst überhaupt nicht teilen konnte. Nicht nur weil das Phänomen (unter der Bezeichnung „Lauftendenz“) in der Psychiatrie und Geriatrie schon lange bekannt ist, sondern vor allem, weil man für eine echte, neue und funktionstüchtige Krankheit schlauer sein muss als viele Millionen Jahre Evolution — und wer ist das schon? Trotzdem spukt mir die Geschichte von Tim Farnsworth seither im Kopf herum. Was wäre, wenn man wirklich einfach aufbrechen würde — und laufen und laufen, bis man sich selbst annihiliert hat? Abgefahren!
(Joshua Ferris, Ins Freie, bei Luchterhand)

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Kleiner Scheißer rockt die Börse! Das Ding aus einer anderen Welt, mit dem damals alles anfing. Damals, das war eine Zeit, in der man statt Analyst noch „Börsen- analytiker“ sagte und kein Mensch wusste, was ein Hedgefonds war. Da ich aus irgendeinem Grund die Wiederbegegnung mit diesem Riesenwerk fürchtete, hat sich Peter Kock von der FAZ der heftigen Aufgabe unterzogen, alles noch einmal durchzusehen — was dem Buch gutgetan hat und die Neuauflage rechtfertigt.
(William Gaddis, J R, bei DVA)

Kleine Publikationsgeschichte des deutschen J R.
1996:
Legendäre Erstausgabe bei Zweitausendeins  — mit zirka 1 Myriade Druckfehlern. Der Verlag tat damals etwas, das sonst nur Autobauer tun. Er rief die komplette erste Auflage zurück, und vergnatzte Leser konnten ihr typoverseuchtes Exemplar in den Läden gegen ein langweiliges neues austauschen. Angeblich sind die fehlerhaften Antiquaria heute das Tausendfache wert, und man kann damit steinreich werden.

1999: Ein veritabler Ziegelstein war auch die Taschenausgabe bei Goldmann Manhattan. Wenngleich die großen Feuilletons diesen Verlag nicht einmal mit dem Arsch angucken, erkannten die Verantwortlichen die Bedeutung des Romans sofort. Bei Manhattan erschien später auch William Gaddis‘ letzter Roman Das mechanische Klavier.

2010: Die Wirklichkeit hat die scheinbar überzeichnete Romanhandlung eingeholt, die Zeit war reif für eine durchgesehene, runderneuerte, neu-noch-bessere Neuausgabe bei DVA. „Prophetisch“ gehört zu den Lieblings- vokabeln von Rezensenten, doch gerade berühmte prophetische Bücher wie George Orwells 1984 lagen faktisch oft weit daneben. Das ist bei Gaddis anders, und vieles wirkt heute (Stichwort „Heuschrecken“) wie die nüchterne Beschreibung einer Finanzwirtschaft, wie wir sie erleben — und immer noch nicht fassen können.

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Erfolgreicher Drehbuchautor aus Hollywood hat Midlife-Crisis und reist in seine vermeintliche Seelenheimat — nach Israel. Aber dort ist eben vieles anders als gedacht. Ein Buch, das bei mir eine geradezu exzessive Recherche ausgelöst hat. Am Ende wollte ich alles wissen, selbst die absurdesten Sachen. Wie sehen israelische Halteverbotszeichen aus? (Bunt, aber es hält sich sowieso keiner dran.) Wie schmeckt Hummus? (Lecker, gibt es seitdem bei uns regelmäßig.) Oder israelischer Kaffee? (Ist wegen seines Kardamon-Anteils für meinen Geschmack eher was für die Weihnachtszeit.) Ich habe jeden identifizierbaren Ort besucht, bin jede Strecke abgefahren — Israel ist nicht so groß, und es geht sogar im Internet. Irgendjemand hat immer mal eine Digicam auf ein Armaturenbrett gelegt und ist einfach losgefahren. Die Erkenntnis am Ende ähnelt dem initialen Impuls der Hauptfigur: Ich sollte endlich meinen Schreibtisch verlassen.
(Todd Hasak-Lowy, Schlecht beraten durch Rabbi Brenner, bei Kiepenheuer & Witsch)

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War Die Hunde bellen noch ein 900-Seiten-Trumm, so kommen diese beiden Auswahlbände vergleichsweise apart daher.
(Truman Capote, auf Reisen und Marilyn & Co., bei Kein & Aber)

Außer einem Comic wollte ich so etwas wie diesen witzigen Kunstband immer schon mal übersetzen. Die Welt ist bekloppt, das Absurde entsteht durch Überregulierung, aber wenn so schöne Bücher dabei herauskommen, kann man darüber auch noch ablachen.
(Dr. Clocks Handbuch des Absurden, bei Goldmann Manhattan)

Das letzte Buch von David Foster Wallace, der sich diesmal als „Reporter vor Ort“ auf dem Hummerfest von Maine umschaut und auch dort natürlich der ewige Fremdling bleibt. Ich fand dieses kleine Buch trotz des bedrückenden Themas einen versöhnlichen Abschied von einem Autor, den ich zehn Jahre lang übersetzt habe. Ich konnte nur längere Zeit kein Fleisch mehr essen.
(David Foster Wallace, Am Beispiel des Hummers, bei Arche Paradies)

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